Lars von Trier und "Nymphomaniac"

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MartinC
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Lars von Trier und "Nymphomaniac"

Ungelesener Beitrag von MartinC » 4. Dez 2014, 15:35

Hallo,

es wurde hier ein paarmal der Regisseur Lars von Trier erwähnt, den ich schon sehr sehr lange außerordentlich schätze. Zuletzt hatte ich mit ThomasHH ein paarmal über Triers jüngsten Film "Nymphomaniac" diskutiert, der nun vor einigen Tagen auf DVD und BluRay erschienen ist. Den Thread dort möchte ich jetzt nicht weiter hi-jacken, weshalb ich hier nun einen eigenen über den Film im Besonderen (und den Regisseur im Allgemeinen) aufmache.

Ich schrieb im Frühjahr, als der Film (in zwei Teilen) ins Kino kam, recht ausführliche Kritiken und Analysen darüber, da er mich extrem beeindruckt, fasziniert und schockiert hat, ich halte ihn für den stärksten und besten Film seit Jahren. Der Film hat aber eine komplizierte Veröffentlichungsgeschichte, da in den Kinos eine deutlich kürzere Version lief, während die nur auf zwei Filmfestivals gezeigte Fassung erst jetzt und eher unerwartet für den Rest der Welt veröffentlicht wurde. Jetzt hab ich (aus eigenem Interesse) meine beiden Kritiken vom Frühjahr nochmal für den Gesamtfilm neu zusammengeschrieben und aktualisiert, und - für den Fall, daß es einige hier interessieren könnte - poste ich den kompletten neuen Text jetzt einmal hier. Für die ausufernde Länge entschuldige ich mich dann auch (erneut) gleich schon mal... :pc:

Lars von Trier ist mit seinen Themen oft durchaus affin zu Farmers Obessionen, und wir sind hier ja ein sehr buntes Völkchen (was Alter, Interessen und Vorlieben betrifft). Deshalb fang ich erstmal mit einem kurzen Lars von Trier Crashkurs für die an, die ihn nicht so gut kennen.

Lars von Trier

Lars von Trier ist ein Autor und Filmregisseur aus Dänemark, der inhaltlich wie formal extreme und kontroverse Filme über (meist) radikale starke Frauen dreht. Wem jetzt sofort alarmartig das Wort "Frauenfilm" aufleuchtet - mitnichten, seine Filme sind das absolute Gegenteil davon. Seine typischen Protagonistinnen sind zwar stark, aber seelisch eher außerhalb der "normalen" Gesellschaft und durch äußere Umstände meist gezwungen, mit unvorstellbarer Radikalität gesellschaftliche Normen zu brechen. Es sind also grade *keine* Betroffenheits-Schmonzetten über ach so vorbildliche Frauenfiguren - die strauchelnden Psychen von Triers Heldinnen gleichen eher brennenden Teilen von abstürzenden Flugzeugen, die auf die Zivilisation herabschleudern und eine Schneise der Verwüstung hinterlassen.

So extrem die Themen seiner Filme sind, so extrem sind auch seine Dreharbeiten, und eine Folge davon war, daß er vor Charlotte Gainsbourg nie mit derselben Hauptdarstellerin zweimal drehte. Björk geriet während der Dreharbeiten zu "Dancer in the Dark" so in psychische Schräglage, daß sie danach Therapie benötigte und Trier selbst später einräumte, daß ihre (von ihr allerdings genial gespielte) Rolle zu gefährlich für sie war und er es nicht hätte verantworten dürfen, sie damit zu besetzen. Nicole Kidman überstand zwar die Dreharbeiten zu "Dogville" ohne Therapie, zog aber ihre Zusage zurück, die weiteren zwei Filme der angedachten Amerika-Trilogie zu drehen. Der zweite Film "Manderlay" mit neuer Hauptdarstellerin scheiterte künstlerisch und brachte Trier selbst für längere Zeit in die Psychatrie (den dritten Teil drehte er gar nicht mehr). Charlotte Gainsbourg scheint die erste Schauspielerin zu sein, die seinen Dreharbeiten und Rollen psychisch gewachsen ist, und nach "AntiChrist" und "Melancholia" (zusammen mit Kirsten Dunst) ist "Nymphomaniac" nun ihr dritter Film für ihn in Folge.

Trier ist nie ein verkünstelter Autorenfilmer, er erzählt immer eine richtige Geschichte, mit einem Anfang und einem Ende und einer meisterhaften Dramaturgie. Aber wer überwiegend mit Popcorn-Kino vertraut ist, sollte gewarnt sein, daß ein paar seiner Filme sehr verstörende Szenen enthalten, vor allem "AntiChrist", in dem einige Sequenzen extremster sexueller Gewalt zu sehen sind. Verstörend ist daran vor allem auch, daß er sich nicht der Ästhetik vom Unterhaltungskino bedient (so wie man es z.B. aus Horrorfilmen kennt, wo Schocksequenzen quasi wie Geisterbahnfahrten inszeniert werden und dann auch "nur" so wirken) sondern mit der selben "nüchternen" Ästhetik, mit der er sonst auch seine Handlungen erzählt.

Nymphomaniac

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Als Triers aktueller Film im Frühjahr auf der Berlinale (außerhalb des Jury-Wettbewerbs) und kurz danach im Kino lief, gab es ein Ballyhoo in der Presse, das jeder Beschreibung spottete, mit pauschalen Lobhudeleien einerseits und reflexartigen Verdammungen andererseits. Ich vermute, die meisten von Euch werden das in irgend einer Form damals mitbekommen haben, selbst wenn sie sich nicht weiter für den Film interessierten.

Das Schlimme daran war, daß jede unaufgeregte Meinung über den Film in diesem Gewitter aus Dummheit, Ignoranz, Fachunkenntnis und Vorurteilen keine Chance mehr hatte. Und auch wenn ich mich ungern einer pauschalen Journalisten-Schelte anschließe, in diesem Fall konnte man weit über 90% der veröffentlichten Meinungen über den Film unzweifelhaft entnehmen, daß die Autoren entweder den Film überhaupt nicht gesehen haben, oder schlichtweg nicht willens oder in der Lage waren, ihn sich sorgfältig anzusehen um etwas davon verstehen zu wollen. Diese fehlgeleitete Medien-Resonanz zusammen mit der enormen Länge des Films und dem Umstand, daß er außerhalb der Großstädte nur in Programmkinos lief, hat ihn kaum bekannter gemacht, und somit hatte man am Ende einen Film, von dem fast jeder eine Meinung hatte, den aber nur relativ wenige Leute tatsächlich gesehen haben.

Nun, meine 4 Pfennige: Ich habe (im Frühjahr) einen der besten, packendsten, faszinierendsten und erschüttersten Filme meines Lebens gesehen. Über Farmer formulierte ich mal vor ein paar Jahren, sie würde sich "eine Grubenlampe an die Stirn binden" und "in die Abgründe der Seele hinabsteigen". Genau das macht auch Trier in seinen Filmen, und bei "AntiChrist" dachte man eigentlich, er hätte nun die tiefste Hölle erreicht. Vergißt man mal den ganzen "Porno" Unfug, der um "Nymphomaniac" kolportiert wird, so erlebt man in diesem Film aber das Psychogramm einer Seele, deren Katakomben in bodenlose Tiefen reichen. Dies gleichermaßen als Warnung wie als Empfehlung...

Die Geschichte (Hinweis: enthält einige kleinere Spoiler)

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Der ältere alleinstehende Seligman (Stellan Skarsgård) findet in einem Hinterhof die verletzte und blutende Joe (Charlotte Gainsbourg) ohnmächtig auf dem Boden liegen. Er bringt Joe zum Bewußtsein, die sich aber weigert, ins Krankenhaus gebracht zu werden, woraufhin er sie in seine spartanische Wohnung nimmt. Mit einer Tasse Tee im Bett liegend, beginnt Joe daraufhin, ihm ihre Lebensgeschichte zu erzählen - die Geschichte einer Frau, die seit frühester Kindheit nymphoman ist.

Das heruntergekommene Zimmer von Seligman wirkt wie eine Klosterzelle, und überhaupt hat ihre gemeinsame Bühne etwas beinahe Sakrales, das Gespräch gerät zu einer Beichte und zu einer Art Tribunal. Joe erzählt ihr Leben als eine Anklage gegen sich selbst, die Geschichte einer schlechten, verkommenen Frau. Seligman kontert und plädiert wie ein Anwalt für sie. Die Dialoge zwischen den beiden tragen den Film, ein spannendes, mysteriöses Versteckspiel zwischen Beichte, Offenbarung und Psycho-Duell.

Der Film ist, völlig unerwartet, über weite Strecken unglaublich komisch. Joe und Seligman liefern sich einen absurden Diskurs, Joe erzählt eine endlose Anreihung ihrer sexuellen Exzesse, und Seligman - ein gebildeter Mann, dessen einziger Besitz eine große Bibliothek alter Bücher zu sein scheint - zieht mit stiller Begeisterung genial absurde Parallelen zwischen ihren sexuellen Handlungen und Themen wie die alte Kunst des Fliegenfischens, mathematische Strukturen in Kunst und Architektur, das "Delirium Tremens" im Werk von Edgar Allen Poe, alpine Bergsteigertechnik, religiöse Ikonographie der orthodoxen Ostkirche oder die polyphonische Kompositionskunst von Johann Sebastian Bach.

So klassisch konventionell wie die Bildästhetik und die Kameraführung ist die Erzähltechnik des Films. Joe erzählt, in Kapitel aufgeteilt, ihr Leben, dazwischen liegen die Spielszenen - dargestellt wird Joe als junge Frau von Stacy Martin und dann erst im zweiten Teil von Gainsbourg selbst. Stacy Martin agiert blendend, hat aber etwas undankbar im Grunde nicht viel zu spielen - die wesentliche Geschichte wird von Gainsbourg in Seligmans Bett erzählt. Damit bleibt ihr, wenn sie nicht grade kopuliert, wenig mehr übrig, als in erstaunlich biederen und wiederum sehr klassisch wirkenden Blümchen-Kleidern durch Joes Vergangenheit herumzulaufen und zwischen den Geschlechtsakten wenige Zeilen zu sprechen.

Eine lange Szene im Film gehört zum absurdesten und komischsten Theater seit Jahren, als die Frau eines ihrer Liebhaber (brillant gespielt von Uma Thurman, neben ihr agieren weitere hochkarätige Schauspieler wie Christian Slater, Willem Dafoe und Shia LaBeouf) mit ihren Kindern in Joes Wohnung auftaucht und in einer grotesken Tour-de-Farce wie eine Mischung aus Beckett und Strindberg den kleinen Kindern Daddys neue "Familie" vorstellt. Und selbst dieser furiose Auftritt wird später im Film nochmal übertroffen, als Joe versucht, mit zwei "Negern" (die ihre Sprache weder sprechen noch verstehen) simultanen Geschlechtsverkehr zu haben, was in einem völligen und in jeder Hinsicht babylonischen Desaster endet.

Und ungefähr ab hier ist dann auch langsam Schluß mit lustig, sowohl mit Joes erzählter Geschichte als auch im Zimmer von Seligman, der anfängt, in verbale Bedrängnis zu geraten, während Joe argumentativ immer mehr punktet und dabei zunehmend bestimmter und entschiedener wird - das "Tribunal" über ihre Schuld, das anfangs eindeutig von Seligmans Humanismus dominiert wurde, gerät zum offeneren Schlagabtausch auf Augenhöhe, in dem punktuell auch Seligman in Rechtfertigungsnöte kommt. Seine Empörung über das Wort "Neger" kontert Joe z.B. mit einer gnadenlos scharfsichtigen Analyse des Scheiterns der westlichen Zivilisation, die in der Feststellung gipfelt: "Wir erhöhen die, die richtig sagen aber falsch meinen, und verhöhnen die, die falsch sagen und richtig meinen."

Joes Leben und Handlungen eskalieren. Der Versuch, ihre Veranlagung in den Griff zu bekommen, scheitert vorhersehbar in einer jämmerlichen "Selbsthilfegruppe", deren kollektive Schimäre einer anvisierten "Normalität" platzt wie eine Seifenblase. Sie begibt sich in die Gewalt eines professionellen Sadisten ob des verzweifelten Versuchs, ihre verlorenen Gefühle über maximalen physischen Schmerz wiederzugewinnen. Sie verliert ihren Partner, ihr Kind und den Rest ihrer bürgerlichen Existenz.

Es beginnt das letzte und finsterste der acht "Kapitel", die sie Seligman erzählt, sie beginnt eine Karriere in der organisierten Kriminalität, und ausgerechnet deren Erfolg führt schließlich über eine fatale Beziehung in den brutalen Showdown der Geschichte. Es geschieht etwas, womit man in Triers Filmen rechnen muß, einen aber dann trotzdem gnadenlos erwischt. Nach vier (bzw. fünfeinhalb) Stunden scheint Joes Reise zu Ende erzählt, aber in den letzten drei Minuten nimmt die Geschichte ohne Vorwarnung noch eine allerletzte finale Wendung. Eine fürchterlich plausible, logische und konsequente Wendung nach einem (hochspannenden und in jeder Minute packenden) stundenlangen Anlauf, aber es erwischt den Zuschauer trotzdem EISKALT und erbarmungslos und läßt einen ziemlich verstört und nachdenklich aus dem Kino gehen.

Der Trailer (deutsche Kino-Fassung, FSK 16)



Die Schnittfassungen Kino/Festival

Ungeachtet der künstlichen Aufteilung in zwei Hälften ist "Nymphomaniac" ein durchgehender Film mit der monströs anmutenden Länge von fünfeinhalb Stunden. Die erste Hälfte hatte ihre öffentliche Premiere auf der Berlinale im Februar 2014 in einer Länge von zweieinhalb Stunden und wurde nur einmal vor Fachpublikum gezeigt (das auf diese Weise nicht wissen konnte, wie der Film weitergeht und endet). Die Version, die zwei Wochen später in den Kinos als "Teil I" anlief, war gegenüber der Berlinale um eine halbe Stunde gekürzt, nach Behauptung der Presse hätte Trier vorrangig längere Passagen mit explizitem Sex herausgeschnitten, um Indizierung oder Verboten zuvorzukommen. Wie so ziemlich alles andere über den Film war auch diese "Feststellung" kompletter Unsinn.

Anfang April 2014 lief dann der ebenfalls zweistündige "Teil II" in den Kinos. In Deutschland wurden beide Hälften mit "FSK16" klassifiziert, was (mit Verlaub) eine komplette Farce ist und die FSK als das entlarvt, was sie tatsächlich ist, nämlich eine Zensurbehörde, die über den Euphemismus eines "Jugendschutzes" das Grundgesetz umgeht. Denn wäre man tatsächlich der Meinung, daß die explizite Darstellung von Geschlechtsverkehr eine "Jugend" gefährden könnte, dann hätte man auch den Kino-Schnitt als FSK18 bannen müssen, egal ob und wieviel "Kunst" ihm attestiert wird (und von wem auch immer).

Schließlich, im September 2014, lief auch die zweite Hälfte des Films einmal ungeschnitten auf dem Festival in Venedig und hatte eine Laufzeit von 3 Stunden - die Kinofassung war hier also um ein volles Drittel verkürzt gewesen. Bis zu diesem Zeitpunkt besagten alle Ankündigungen, daß ausschließlich die Kino-Fassung (mit einer Gesamtlaufzeit von 4 Stunden) in den Handel kommen würde, aber Ende Oktober kam plötzlich die Kehrtwende, und Concorde kündigte überraschend wahlweise sowohl die Kino-Fassung als auch die Festival-Fassung (als "Director's Cut" und mit FSK18) auf DVDs und BluRays an.

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Was die Frage aufwirft: Welche Fassung sollte man sich nun ansehen, wenn man den Film sehen möchte?

Ich habe mir letztes Wochenende in einer Marathon-Session die komplette Festival-Version (mit einer Stunde Pause in der Mitte) am Stück angesehen. Dabei hatte ich durchaus gemischte Gefühle: Im Kino hatte ich einen genialen Film gesehen, und der wird ja nicht nachträglich dadurch weniger gut, daß es eine alternative Fassung gibt. Weiterhin war die (von der Presse kolportierte) Vorstellung, der Film wäre auf den Festivals vor allem durch ellenlange und massive pornographische Sequenzen "verlängert", auch nicht vielversprechend. Letzteres ist, man hätte es wissen können und müssen, eine weitere Falschinformation gewesen.

Deshalb nun die Fakten: Obwohl ich die Handlung und das Ende des Films kannte, waren die fünfeinhalb Stunden zu keinem Zeitpunkt langatmig oder gar langweilig. In der ersten Hälfte waren im Kino fast ausschließlich Dialoge gekürzt. Die zweite Hälfte ist hingegen deutlich expliziter und brutaler, hier wurden auch sehr viele sexuelle Szenen punktuell geschnitten, offenkundig im Hinblick auf Zensur. Ansonsten wurden aber auch hier überwiegend Dialoge gekürzt, die deutlich längere Gesamtzeit resultiert aus einer größeren zusammenhängenden (und recht blutigen) Geschichte, die für das Kino komplett entfernt wurde.

Der Festival-Schnitt ist insgesamt pointierter, sowohl im Erzählton als auch in der Logik der Handlung. Das Kino hatte keine "Tempo-Schnitte", der Erzählton ist eigentlich gleich, aber die zusätzlichen Szenen machen den Ablauf plausibler und an einigen kritischen Stellen nachvollziehbarer. Die entfernten "Spitzen" in den sexuellen Szenen waren insofern abträglich, als daß einige Handlungselemente im Kino etwas untergingen oder gar übersehen werden konnten, oder umgekehrt formuliert: Der Kinofilm wird nicht etwa (wie befürchtet) durch zusätzliche Sex-Elemente banalisiert, sondern er bekommt durch diese punktuellen visuellen Schocks eine prägnantere dramatische Struktur.

Aus diesem Grund also ohne Wenn & Aber: Ich empfehle klar die Festival-Version (a.k.a. "Director's Cut").

Ungeachtet der enormen Länge rate ich auch dazu, beide Hälften so zeitnah hintereinander wie möglich zu sehen. Es ist *ein* durchgehender Film, und die Teilung erfolgte offenkundig allein aus Gründen der Ökonomie - sie erfolgt praktisch mitten in einer Szene, "Teil I" hat also kein Ende und "Teil II" keinerlei Anfang. Weiterhin erfolgt der Übergang von Stacy Martin auf Charlotte Gainsbourg nach 30 Minuten im "Teil II". "Nymphomaniac" war, von der Technik her, ein exorbitant teurer Film, und es ist offensichtlich, daß hier allein marktwirtschaftliche Regeln am Werk waren. Es ist ansonsten völlig unverständlich, warum der Film (wenn man ihn schon fürs Kino um anderthalb Stunden kürzt) nicht mit vier Stunden am Stück aufgeführt wurde. Früher konnte dies sogar einem breiten Massenpublikum bei "Ben Hur" oder "Vom Winde Verweht" problemlos zugemutet werden, heute hält man da selbst ein Cineasten-Publikum schon für überfordert.

Zur Kontroverse des Films

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Lars von Trier hat (mit seinem sarkastischem Humor) natürlich auch selbst ein gerütteltes Maß an Schuld an der unsäglichen Debatte, aber angesichts der medialen Ressonanz des Films und dessen potentieller Irreführungen kommt man nicht umhin, jetzt auch noch einmal auf das P-Wort zu sprechen zu kommen. Das Bescheuerte am schwammigen Begriff "Pornographie" ist, daß er für drei völlig unterschiedliche Dinge benutzt wird, je nach Gusto ist "Pornographie" a) ein Begriff für die explizite Darstellung penetrierenden Geschlechtsverkehrs, b) ein Werk mit der Absicht, seine Betrachter sexuell zu erregen, oder c) schlichtweg ein Universalschimpfwort für alles, was einem nicht in den Kram paßt.

"Nymphomaniac" erfüllt klar die Definition a), aber ebenso klar ist es *keine* kommerzielle Pornographie und damit kein "Porno" im Sinne des allgemeinen Sprachgebrauchs, *egal* welche Scherze Trier mit dem Wort machte und *egal* was die Journaille zu schreiben pflegte. Ich gehe sogar so weit, den Film noch nicht einmal als "erotisch" zu bezeichnen, weil ihm nämlich das allein dominante Element von jedem Hardcore-Porno, jedem gewöhnlichen Sexfilm, jedem Mainstream-Softsexfilm und sogar jedem sogenannten "Arthouse Porn" Film abgeht - nämlich das Bestreben, den Zuschauer zu stimulieren!

Und was speziell diesen besonders vagen Begriff "Arthouse Porn" angeht, das ist vermutlich die größte Fehlleistung vieler Kritiker, "Nymphomaniac" in diese Kategorie zu stopfen. Denn auch Filmen so unterschiedlicher Machart und Intention wie "Realm of Senses", "Romance X", "Intimacy" oder "Baise-Moi", denen man diesen dämlichen Begriff schon überstülpte, ist es gemeinsam, in den pornographischen Sequenzen Lust, Erregung und erotische Stimulanz zu erzeugen. Und von einem gequirlten Schmarrn wie "Fifty Shades of Grey" reden wir bitte gar nicht erst.

Lars von Trier zeigt Joes Sexualität als einen animalischen Trieb, und seine Art der Darstellung ist gleichermaßen *völlig* entfernt von der lustbetonten "in die Kamera hinein" Performance der kommerziellen Pornographie wie auch von den (das Lieblingswort aller C-Promis, die sich für den Playboy ausziehen) "ästhetisch" stilisierten und überhöhten Kunst-Inszenierungen des "Arthouse Porn". Die legitime und plausible Abneigung, "sich Pornographie" (im allgemeinen Sprachgebrauch) ansehen zu wollen, ist kein vernünftiger Grund, um den Film einen Bogen zu machen. Und ebensowenig ist es die (von mir häufig gehörte) Begründung, man würde sich nicht für einen Film interessieren, der als Hauptthema die körperliche Sexualität einer Frau hätte. Dies als Begründung wäre nämlich so absurd wie z.B. die Weigerung, sich einen Western anzusehen, nur weil man sich nicht "für Pferde" interessiert.

"Nymphomaniac" handelt, wie alle späten Filme von Trier, von den Abgründen der menschlichen Seele. Es geht nicht "um" den Sex, den Joe hat, sondern um die Schneise der Verwüstung, die das Tier im Menschen hinter sich reißt, wenn die Realität der menschlichen Psyche auf die Fiktion von Recht, Moral, Religion, Philosophie, Kultur und gesellschaftlicher Norm prallt. Es geht um den Aufprall der Psyche gegen die Welt. Dieser Aufprall geschieht auf der ganzen Welt um uns herum beinahe täglich, und wenn er schrecklich genug ist, hält die Welt kurz den Atem an, und die Medien fragen "Warum?", als ob das eine rhetorische Frage wäre. Triers Film handelt von der Dunkelheit, aus der er entsteht, und er läßt einen für einen kurzen Moment begreifen, "warum" er passiert. Darum geht es, und darum ist der Film so wichtig und so gut.

MartinC ©2014

(Englische) Interviews

Ein etwas verhuschtes aber interessantes Interview mit Charlotte Gainsbourg über den Film, ihre Filmfigur, die Dreharbeiten, die Porn-Doubles und ihr persönliches Verhältnis zu Lars von Trier.



Und Stellan Skarsgård über seine Filmfigur, Lars von Trier als Regisseur und Autor sowie die öffentliche Kontroverse über die expliziten Sex-Szenen.

Zuletzt geändert von MartinC am 21. Aug 2017, 12:51, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Lars von Trier und "Nymphomaniac"

Ungelesener Beitrag von THomasHH » 15. Dez 2014, 21:54

Vielen Dank, Martin. :i_like:
Jetzt bin ich umso mehr auf diesen Film gespannt.

Ich kenne übrigens auch die beiden anderen, von Dir erwähnten Filme nicht, bei denen Charlotte Gainsbourg mitspielt.
Ist es sinnvoll, oder gar notwendig, diese vorher gesehen zu haben, um diesen hier besser zu begreifen?

Alle drei Filme werde ich mir so oder so in endlicher Zeit (soll heißen: bald) besorgen und dann auch gleich anschauen*.

Grüße,
Thomas

*
Dieser Hinweis ist nicht ganz unwichtig, da ich mehere hundert Filme & Serien in meiner Sammlung habe, die ich noch nicht gesehen habe. Viele davon stehen schon mehrere Jahre in den Regalen ... :innocent:
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Re: Lars von Trier und "Nymphomaniac"

Ungelesener Beitrag von MartinC » 15. Dez 2014, 23:47

THomasHH hat geschrieben:Ich kenne übrigens auch die beiden anderen, von Dir erwähnten Filme nicht, bei denen Charlotte Gainsbourg mitspielt.
Ist es sinnvoll, oder gar notwendig, diese vorher gesehen zu haben, um diesen hier besser zu begreifen?
Überhaupt nicht, die drei Filme haben nichts miteinander zu tun - es ist aber eine Art Manie von ein paar Cineasten, alle seine Filme in Trilogien einzuteilen (am Anfang die "Europa" Trilogie, dann die "Golden Heart" Trilogie, die abgebrochene "Amerika" Trilogie, und die letzten drei Filme firmieren jetzt als "Trilogie der Depression"). Gut, Kritiker machen sowas gerne um Struktur in ihre Analysen zu bekommen, aber ich finde es eher irreführend. Zumal zum Beispiel "Dancer in the Dark" (Golden Heart) hundertmal mehr mit "Dogville" (Amerika) zu tun hat, als jetzt "Melancholia" mit den anderen beiden.

Die einzige Reihenfolge, die empfehlenswert wäre, ist "Manderlay" nach "Dogville", denn die "Amerika-Trilogie" war als einziges von Trier auch als Trilogie entworfen und handelt von den gleichen Personen. Es ist aber leider auch sein schwächster Film und in letzter Konsequenz brachte er ihn in die Psychatrie. Einer der Gründe war Nicole Kidman, die in "Dogville" unglaublich stark spielte, aber dann für "Manderlay" absagte, offiziell aus Termingründen (man munkelt aber, daß ihr "Dogville" einfach too much war, und sie zwar stolz auf den Film ist, aber die Psycho-Geisterbahn der Dreharbeiten nicht nochmal machen wollte). Ersetzt wurde sie durch die junge Schauspielerin Bryce Dallas Howard, und der nahm man die Rolle (nach Kidmans Glanzleistung) einfach nicht ab. Triers Depressionen nahmen nach dem Film dramatisch zu, woraufhin er sich selbst in eine Klinik einweisen ließ und den angedachten dritten Teil verwarf. Er sagte sogar, er würde nie wieder drehen. Dann hat er sich aber wieder aufgerappelt und drehte nach seiner Rückkehr "AntiChrist" - darauf bezieht sich Gainsbourg in dem Interview oben, wenn sie sagt, Trier "wasn't well" als sie ihn erstmals traf.

Triers Filme sind *alle* extrem unterschiedlich, bis auf die beiden Amerika-Filme haben keine zwei Filme den gleichen Stil, die gleiche Technik, die gleiche Optik, und die Handlungen haben nichts miteinander zu tun. Was die Entwicklung betrifft, das erklärt Skarsgard in seinem Interview perfekt - in den "Europa" Filmen war Trier ein Technokrat und Regie-Diktator. Dann fing er von "Breaking the Waves" über "The Idiots", "Dancer in the Dark" zu "Dogville"/"Manderlay" an, von Film zu Film seine handwerklichen "Werkzeuge" aufzugeben und seine SchauspielerInnen "leben" zu lassen. Und dann holte er von "AntiChrist" über "Melancholia" zu "Nymphomaniac" Stück für Stück seine Werkzeuge wieder zurück, ließ aber seine Darsteller trotzdem "leben".

Wer Trier jetzt gar nicht kennt aber neugierig geworden ist - zum Einstieg empfehle ich auch gerne "Dogville", obwohl (oder grade weil) es sein minimalistischster Film ist. Er ist aber unglaublich stark, die Geschichte ist dramatisch, extrem spannend, und Kidman ist in diesem Fim brillant. Um noch neugieriger zu machen: wer vorher *garnix* von Trier und dem Film weiß, wird in den ersten Minuten schlucken... "Huch, was ist *das* denn"... keine Sorge, das funktioniert, und es wird sehr sehr spannend, und das Finale ist *furios* :pfeif:

"AntiChrist" ist ein sehr sehr harter, extremer und psychotischer Film. Nochmal die Warnung - längere Sequenzen gegen Ende sind extrem schockierend. Wer Probleme mit Gewaltdarstellungen hat, sollte ihn sich mit Bedacht ansehen.

"Melancholia" ist vor allem ein sehr merkwürdiger Film (selbst für Triers Verhältnisse). Auf den ersten Blick eine Art Katastrophen-Film, hat aber nicht das geringste mit dem Genre wie "Deep Impact" oder "Day After Tomorrow" zu tun, es ist ein Psychogramm zweier unterschiedlicher Schwestern. Charlotte Gainsbourg und Kirsten Dunst werden als Co-Hauptdarsteller geführt, die Hauptrolle im klassischen Sinn spielt aber eher Dunst und Gainsbourg eine sehr dominante Nebenrolle.
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Re: Lars von Trier und "Nymphomaniac"

Ungelesener Beitrag von THomasHH » 16. Dez 2014, 22:21

Ich keinen einzigen Trier-Film bis jetzt.
Es wird also ein spannendens Unterfangen, ihn jetzt kennenzulernen, wo schon so viel von ihm vorliegt. Ich kann also quasi aus dem Vollen schöpfen. :)
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Lars von Trier und "Nymphomaniac"

Ungelesener Beitrag von THomasHH » 1. Jun 2015, 11:23

Soo, gestern nun endlich habe ich mir Nymphomaniac Vol.1+2 im Dir. Cut angeschaut.

Ich kann meine Eindrücke nicht so gut in Worte fassen, wie Martin es getan hat. Ich kann aber sagen, dass mir dieser Film sehr gut gefallen hat.
Das gilt sowohl für die Geschichte an sich, für die Charaktere, als auch für die Erzählweise - also den inszenatorischen Stil.
Das Ende war für mich so auch nicht erwartbar, was mir aber gefiel (ähnlich wie ich angenehm überrascht über das Ende von "Ex Machina" war).

Den Kauf der UK-BD hätte ich mir allerdings schenken können.
Ich ging davon aus, dass engl. UT drauf seien, ist aber nicht. Somit hätte ich mir genausogut auch die dt. BD holen können.
Das Verständnis wäre mit engl. UT leichter gewesen, so aber ging es auch.
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Lars von Trier und "Nymphomaniac"

Ungelesener Beitrag von MartinC » 1. Jun 2015, 12:17

Das mit den Untertiteln ist allerdings wirklich dusslig, hätte ich schon erwartet, daß sie dann auch Englisch mit drauf sind - dann vermutlich nur für den franz. Ton, oder?

Ich freue mich, daß Dir der Film gefallen hat (nach dem Riesentext, den ich oben verzapft habe...), selbstverständlich ist das natürlich nicht, bei der Ungewöhnlichkeit des ganzen Werks.

Das verblüffendste an seinem Schluß finde ich ist, daß er zwar völlig überraschend kommt, aber gleichzeitig auch naheliegend ist, es ist also keine willkürliche Wendung die irgendwo aus dem Nichts auftaucht, sondern beinahe ein Ende mit Ansage - nur daß diese Ansage grandios versteckt wurde. Das ist Erzählkunst von allererster Klasse, dem Zuschauer eine Geschichte zu erzählen und ihn dabei so brillant abzulenken, daß er sie bis ganz zuletzt gar nicht richtig wahrnimmt, auch wenn sie die ganze Zeit vor seiner Nase war...

Um nicht mit diesen Zeilen jetzt allen Mitgliedern hier nochmal Over-Suspense zu erzeugen - wen es zwar interessiert, aber wer sich den Film mit Bestimmtheit nie ansehen wird, ein kleinerer Spoiler (nicht der eigentliche) verdeckt zur Erklärung:

Man denkt beim ersten Ansehen des Films selbstverständlich die ganze Zeit, daß er die Geschichte von Joe erzählt. Aber in Wahrheit erzählt er ebenso die Geschichte von Seligman, und während man gebannt den Erzählungen von Joe folgt, verändert sich Seligman ganz langsam und Stück für Stück. Falls man sich den Film mit etwas Abstand noch ein zweites Mal ansieht, merkt man es unmittelbar, daß Seligman, je mehr Joe von sich preisgibt, seine Haltung zu ihr verändert, ganz langsam und subtil. Am Ende ist Seligman nicht mehr der gleiche Mensch, der er am Anfang war, und darin mündet der Showdown des Films.

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Lars von Trier und "Nymphomaniac"

Ungelesener Beitrag von THomasHH » 1. Jun 2015, 13:12

Französischer Ton? Nein, da ist nur engl. Ton drauf.
Oder meinst Du, es gibt französische Stellen im Film? Wäre mir nicht aufgefallen. Nur das afrikanische Palaver der beiden Afrikaner, das aber nicht verstanden werden sollte, da ja auch Joe es nicht verstand.

Und ja, die Wandlung Seligmans ist mir schon gestern aufgefallen.
Zuerst die mathematischen Gleichungen zu Joes Erzählungen, dann immer mehr Widerstand, bis hin zum völligen Ausklingen beim Abtreibungsthema.

Aufgrund der Länge des Films (ich betrachte ebenfalls beide Teile als Eins, alles andere hat keine Sinn) werde ich ihn mir im nächsten Urlaub noch mal anschauen.
Knapp Fünfeinhalb Stunden sind ja nicht ohne, aber die unaufgeregte Erzählweise ist genau richtig, weniger wäre hier eher nicht mehr gewesen, IMO.

Die Hardcore-Szenen empfand ich nicht als störend oder unangebracht. Es wäre, wenn sie fehlten, wohl eher so, dass es wie geschnitten empfunden hätte werden können.
Zuletzt geändert von THomasHH am 1. Jun 2015, 14:56, insgesamt 1-mal geändert.
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MartinC
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Lars von Trier und "Nymphomaniac"

Ungelesener Beitrag von MartinC » 1. Jun 2015, 13:57

THomasHH hat geschrieben:Französischer Ton? Nein, da ist nur engl. Ton drauf.
Oder meinst Du, es gibt französische Stellen im Film? Wäre mir nicht aufgefallen. Nur das afrikanische Palaver der beiden Afrikaner, das aber nicht verstanden werden sollte, da ja auch Joe es nicht verstand.
Das war jetzt ein kleiner spontaner Gedankenfehler von mir, bzw. eine unbewußte Verwechslung mit "Giorgino" (der ja englisch gedreht wurde und dann von Farmer franz. synchronisiert wurde - und nur franz. Untertitel im O-Ton hat).

Charlotte Gainsbourg erwähnt in ihrem Interview, wie sie beim "Post-Syncing" erschrocken ist, und irgendwo hatte ich eben beim Schreiben die falsche Idee, daß die UK BluRay den französischen Ton hat - natürlich nicht, weil Gainsbourg sich zwar selbst für Fankreich synchronisiert, es aber natürlich keinen Grund gibt, den Ton außerhalb Frankreichs dazuzupacken.
THomasHH hat geschrieben:Die Hardcore-Szenen empfand ich nicht als störend oder unangebracht. Es wäre, wenn sie fehlten, wohl eher so, dass es wie geschnitten empfunden hätte werden können.
Allein das ist einer der Gründe, warum der Film cinematographisch so spektakulär ist, es gibt kaum ein vergleichbares Werk mit diesem visuellen Ansatz und dieser Wirkung.

Skarsgård bringt es im Interview auf den Punkt mit dem Satz "it's human behaviour... with body parts that you usually don't see". Und Gainsbourg mit "it's part of the film, it's the beauty of the film [...] and it would have been total nonsense to be prude and hide stuff".
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Lars von Trier und "Nymphomaniac"

Ungelesener Beitrag von THomasHH » 1. Jun 2015, 14:54

MartinC hat geschrieben:
THomasHH hat geschrieben:Die Hardcore-Szenen empfand ich nicht als störend oder unangebracht. Es wäre, wenn sie fehlten, wohl eher so, dass es wie geschnitten empfunden hätte werden können.
Allein das ist einer der Gründe, warum der Film cinematographisch so spektakulär ist, es gibt kaum ein vergleichbares Werk mit diesem visuellen Ansatz und dieser Wirkung.
Jaha, Nymphomaniac ist der Film, der Baise-moi gern gewesen wäre. :kicher:
Nicht, dass ich die beiden Filme auf ein Level stellen möchte. BM spielt in einer unteren Liga, wobei ich ihn trotzdem irgendwie mag.
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Lars von Trier und "Nymphomaniac"

Ungelesener Beitrag von Erzengel » 30. Jul 2015, 08:44

Ich werde mir Eure Beiträge nochmal in aller Ruhe durchlesen, will aber - nach dem Ansehen von 5 1/2 Stunden Director's Cut auf Sky spontan meine Meinung kundtun ;)

Ich kann mit dem Film wenig anfangen. Ich erkenne weder einen moralischen, noch einen philosophischen oder ästhetischen Sinn. Das Gespräch zwischen Joe und Seligman ist über weite Strecken trivial und schneidet zwar alle möglichen philosophischen, mathematischen oder ethischen Probleme an, ohne jedoch jemals wirklich eine gewisse Tiefe zu erreichen. Aber vor allem - und das ist mein Hauptkritikpunkt, ist der Film viel zu lang geraten. Teil Eins ist gelungen, aber im Teil Zwei habe ich mich doch zunehmend gelangweilt.

Ich verstehe letztlich nicht, was Lars von Trier mir eigentlich mitteilen will. Und da habe ich das gleiche Problem wie bei "Melancholia". Dort habe ich nicht verstanden, was der erste Akt eigentlich für einen Sinn hatte. Aber "Melancholia" war wenigstens ästhetisch beeindruckend und bildgewaltig. "Nymph()maniac" ist für mich am Ende ein Werk, dass den Lärm nicht wert ist, der um es gemacht wurde.
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13.09.13, Paris * 15.10.13, Straßburg * 15.11.13, Brüssel

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